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Der Sechs-Monats-Notfallfonds: Warum diese Regel für die meisten nicht funktioniert

Thomas Reichert 4 Min Lesezeit

Jeder Finanzratgeber predigt es: Sechs Monatsgehälter als Notfallfonds. Ich habe diese Regel jahrelang befolgt und dabei festgestellt, dass sie an der Realität vorbeigeht. Hier ist meine Analyse, warum diese Faustregel problematisch ist.

Schritt 1: Die versteckten Annahmen der Regel

Die Sechs-Monats-Regel basiert auf drei fragwürdigen Annahmen. Erstens: Du findest innerhalb von sechs Monaten garantiert einen neuen Job. Zweitens: Deine monatlichen Ausgaben bleiben konstant. Drittens: Es trifft dich nur eine Krise gleichzeitig – nie mehrere parallel.

In der Praxis sieht es anders aus. Ein Bekannter von mir brauchte 14 Monate für die Jobsuche im IT-Bereich während der Corona-Zeit. Seine Frau wurde gleichzeitig krank. Zwei Krisen, doppelte Kosten, halbe Zeit.

Schritt 2: Rechne mit deinen echten Fixkosten

Ich habe meine Ausgaben über zwei Jahre getrackt. Ergebnis: Meine echten Fixkosten lagen bei 68% meines Gehalts, nicht bei 100%. Miete, Versicherungen, Mindestrate fürs Auto – das sind die Zahlen, die zählen. Netflix kann weg, der Restaurantbesuch auch.

Multipliziere diese Fixkosten mit sechs. Das ist deine Basis. Dann addiere 20% für Unvorhergesehenes. Bei mir waren das 14.200 Euro statt der oft zitierten 18.000 Euro basierend auf dem Bruttogehalt.

Schritt 3: Berücksichtige deine Branche

IT-Spezialisten finden schneller Jobs als Museumskuratoren. Klingt brutal, ist aber Realität. Ich habe Daten von 50 Bekannten analysiert: Die durchschnittliche Jobsuche variierte zwischen 3 Monaten (Software-Entwicklung) und 18 Monaten (Geisteswissenschaften).

Wenn du in einer volatilen Branche arbeitest, brauchst du mehr als sechs Monate. Punkt. Mein Richtwert: Mindestens neun Monate für alle außerhalb der Tech- und Gesundheitsbranche.

Schritt 4: Die Opportunitätskosten ignorieren alle

18.000 Euro auf einem Tagesgeldkonto mit 3,5% Zinsen bringen 630 Euro pro Jahr. Dieselbe Summe in einem ETF-Portfolio mit historisch 7% durchschnittlicher Rendite: 1.260 Euro. Das ist eine Differenz von 6.300 Euro über zehn Jahre.

Meine Lösung: Drei Monate absolut liquide, weitere drei Monate in Tagesgeld, der Rest gestaffelt in mittelfristig verfügbaren Investments. So verliere ich nicht komplett die Rendite.

Schritt 5: Teste deinen Plan real

Ich habe zwei Monate nur mit meinem "Notfall-Budget" gelebt. Das war unangenehm, aber aufschlussreich. Meine Berechnung war um 340 Euro zu optimistisch. Kleinigkeiten wie Medikamente, Geburtstagskarten, Reparaturen hatte ich unterschätzt.

Probiere es einen Monat aus. Lebe nur von dem, was du als Notfallbudget kalkuliert hast. Die Differenz zur Realität multiplizierst du mit deinen geplanten Monaten.

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